OTTO BUCHEGGER ERZÄHLT

Ich lebe in einer Stadt voller Verkehrsexperten, in Tübingen. Man erkennt ihr Wirken leicht an den unzähligen Verkehrsschildern, Verboten und Beschränkungen, die kein Mensch mehr wahrnimmt, an Ampeln, die mehr stören als helfen, an lebensgefährlichen Radstreifen auf viel zu schmalen Straßen, an häufigen Staus, an einem Bodenbelag, der bei Glatteis unpassierbar ist (weil der Streusplitt in den Fugen verschwindet und das Salzstreuen verboten ist), an Bussen, die ungefedert und nicht klimatisiert sind (und die ich meide, wo ich nur kann), an einer Flughafen Schnellverbindung (Sprinter), die für 22 km Luftlinie fast eine Stunde braucht, um nur einige Beispiele für das Können der überwiegend grünen Experten zu nennen. Und dies alles in einer Kleinstadt, die im Kern nur 54.000 Einwohner (mit allen Eingemeindungen 87.000) hat.

In so einer Umgebung wundert es nicht, dass man über Sinn und Unsinn von Verkehr nachzudenken beginnt.

Prolog

Verkehrsprobleme gehören meist zur Kategorie der „Komplexen Probleme“ (wicked problems). Kurz gesagt, weiß man vorher meist nicht, ob eine Lösung funktioniert oder nicht. Man weiß auch oft nachher nicht sofort, ob eine Veränderung eine Verbesserung oder Verschlechterung gebracht hat. Kein Wunder, dass es für solche Probleme viele Lösungsansätze gibt. Sie sind deshalb als Studienobjekt hochinteressant und ich habe mich mit einigen dieser Probleme in meinem Berufsleben früher intensiver beschäftigt.

Damit kein falscher Eindruck entsteht, ich war früher Ingenieur und bin definitiv kein studierter Verkehrsexperte. Aber ich bin viel gereist und habe mich überall, wo ich war, für gelungene Stadtplanung interessiert. Auch von Laien kann man etwas lernen. Oft sind sie weniger betriebsblind als die Experten. Und sie laufen weniger Gefahr zu sturen Ideologen zu werden.

Die Gedanken zum Verkehr sind also keineswegs neu für mich. Schon vor über 50 Jahren hat einer meiner verehrten Professoren dazu Prognosen gemacht. Er musste in Wien täglich über (den seinerzeit gefürchteten) Schwarzenbergplatz fahren und dies hat ihn angeregt, darüber nachzudenken, wie man alle Daten in einen Computer eingibt, der dann den Verkehr so regelt, dass es keine Staus mehr gibt. Selbstfahrende Autos waren damals auch in der Phantasie noch nicht da.

In diesen Anfangszeiten des Computers hat man auch entdeckt, dass man mit ihm Verkehr ganz brauchbar simulieren kann. An die Details kann ich mich nicht erinnern, wohl aber an die Ergebnisse. Den meisten Durchsatz bei Verkehrsengstellen hat man bei 80km/h. Bei Autobahnüberleitungen auf die Gegenfahrbahn hatte man früher in Österreich 30km/h, mit verheerenden Folgen. Staus und Unfälle waren so an der Tagesordnung. Erst spät hat man dies dann wie in Deutschland auf 60km/h erhöht und so ist es dann auch geblieben.

Tempo 30 hat mich noch oft verfolgt in meinen Beobachtungen. Es wird gerne verhängt, weil es so plausibel erscheint. Aber fast immer schafft es mehr Probleme, als es löst. Die Unfallhäufigkeit steigt schlagartig an, weil die Fahrer sich nicht mehr konzentrieren. Unsere Autos sind dafür schlecht ausgerüstet und durch die längere Fahrtzeit mit niedrigerem Tempo steigen auch die Emissionen, nur den Lärm ausgenommen. Und wenn die Tempo 30 Zone zu Ende ist, häufen sich danach die Auffahrunfälle, wie mir auch ein lokaler Verkehrspolizist glaubhaft versichert hat. Tempo 30, die Wahl der Verkehrsromantiker.

Wirklich viel gelernt über Auto- und LKW- Verkehr habe ich in den USA, wo es überall Geschwindigkeitsbeschränkungen gibt. Sie betrachte ich bis heute als Segen, weil sie den Verkehr flüssig und gleichförmig machen. Gibt es keine Beschränkungen, entstehen longitudinale Wellen, die zu „Paketen“ führen und alles drängt auf die Überholspur. Auf deutschen Autobahnen kann man dies gut beobachten. Ist der Verkehr gleichförmig, werden die Straßen wesentlich besser genutzt und man kann auch gefahrlos rechts überholen.

Auch sehr hilfreich war der CB Funk zwischen den LKWs. Man konnte sich gegenseitig gut vor Gefahren (nicht nur vor Polizeikontrollen) warnen. Dies ist wesentlich aktueller und präziser als die viel zu großflächigen Radiomeldungen, wie in Deutschland.

Beides, Kommunikation und Geschwindigkeitsbeschränkungen wären ein wahrer Segen, aber ich bin sicher, ich werde das nicht mehr erleben. Wenn es um Autoverkehr geht, schaltet man in Deutschland das Denken ab.

Welche generelle Geschwindigkeitsbeschränkung wäre denn auf deutschen Autobahnen sinnvoll? Die meisten unserer Nachbarn haben 130, Polen 140 und die Schweiz 120km/h. Da die Mehrzahl unserer Benutzer 130 gewohnt sind, würde ich für 130 plädieren. Für 140 würde sprechen, dass Europa das durchaus vertragen würde und man hätte einen kleinen Wettbewerbsvorteil, weil die Zeit, die man auf Autobahnen verbringt in der Regel verlorene Zeit ist. Es lohnt sich also, sie zu minimieren, besonders wenn man Maut dafür bezahlen muss. 120 würde ich ablehnen, weil das eine Gängelung wäre und das akzeptieren die Menschen nicht. Der Verbrauch ist zwar bei 120 niedriger, aber 120 oder weniger berücksichtigt nicht die Zeit der Menschen. Also statt Richtgeschwindigkeit 130km/h Höchstgeschwindigkeit 130km/h.

In den USA war es üblich, wegen schlechten Wetters nicht zur Arbeit zu erscheinen, aus dem einfachen Grund, weil es lebensgefährlich sein könnte. Es wird dann auch entsprechend gewarnt. In Deutschland habe ich noch nie in den Medien gehört, dass man zu Hause bleiben soll. Hier soll man nur vorsichtig fahren. In Österreich eher: „Vor jeder nicht unbedingt notwendigen Fahrt wird gewarnt.“

Noch was anderes hat mir in den USA gefallen, das ist die automatische Mitschuld bei Unfallbeteiligung. Sie führt zu extrem defensivem Fahren. Für Deutsche unvorstellbar, hier pocht jeder auf sein „Recht“ und koste es auch Menschenleben.

Die Deutschen kaufen PS-starke Autos, damit sie rasen können. In den USA braucht man sie, um bei der Auffahrt schnell einfädeln zu können und um auch bei hügeligen Gelände mit konstanter Geschwindigkeit fahren zu können.

Wofür ich bei jeder Gelegenheit Werbung mache, das ist die 2 Sekunden Abstand zum Vordermann. Die deutsche Formel dazu ist viel zu kompliziert und in der Praxis deshalb unbrauchbar.

Oft wird der Platzverbrauch des US Verkehrsnetzes kritisiert. Aber es gibt in vielen Teilen des Landes Platz genug und das Fahren wird dadurch sehr entspannend. Ich bin nach 100 km deutscher Autobahn mehr gestresst als nach 500 km (300 Meilen) Fahrt im leeren Landesinneren der USA.

Die einzig brauchbare Definition zur Verkehrssicherheit (z.B.für Fahrradwege) habe ich aus Kopenhagen: „Ein Weg ist sicher, wenn ihn Eltern mit kleinen Kindern ohne Angst benützen und dort auch noch von anderen überholt werden können!“

Was ist denn eigentlich Verkehr?

Verkehr ist hier die Bewegung von Personen oder Gütern. Verkehr entsteht als Folge räumlicher Trennung menschlicher Bedürfnisse wie Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Bildung, Erholung, Tourismus etc. In der Regel werden Verkehrsmittel über eindeutig definierbare Verkehrswege geführt.

Verkehr ist eine wichtige Vorbedingung, dass der Kapitalismus gut funktioniert. Denn nur durch ihn kann ein Austausch optimal produzierter Waren funktionieren. Wer also Verkehr behindert, riskiert auch den Wohlstand unserer westlichen Gesellschaft. Das scheint vielen nicht klar zu sein. Die wenigsten wissen über die Geschichte und Bedeutung des Verkehrs Bescheid. Über den positiven Einfluss der Eisenbahn auf den Wohlstand oder über die verheerenden Wirkungen der fehlende Infrastruktur in den noch armen Ländern.

Jeder Verkehr hat Nebenwirkungen, die meist als unerwünscht eingestuft werden. Dies können u.a. Lärm und Schmutz sein, aber auch Verletzungen oder sogar Tote.

Die Kunst Verkehr richtig zu gestalten besteht darin, seine Effizienz bei geringsten Nebenwirkungen zu optimieren.

Effizienz bedeutet kurze Verkehrswege, schnelle Geschwindigkeiten, niedrige Kosten.

Nebenwirkungen sind neben Lärm, Schmutz, Unfällen vor allem der Verlust oder die Beschädigung des transportierten Gutes.

Um es zu wiederholen: Guter Verkehr bedeutet sicherer Transport über kurze Wege und mit schnellen Geschwindigkeiten, bei gerade noch erträglichen Nebenwirkungen.

Ideologen mit beschränkter Denkweise sehen das anders. Ich nenne sie gerne die Verkehrsromantiker. Ihre Lösung ist Verkehr zu behindern oder zu verbieten. In ihren Augen ist Verkehr ohnehin unnötig. Die Erfahrung lehrt, dass dies nicht funktioniert. Das Problem wird nur verlagert, bis zur Pervertierung. Konkret bedeutet dies oft am langsamsten, mit den weitesten Wegen und zu den höchsten Kosten.

Ich vergleiche gerne das Thema Verkehr bei den Verkehrsromantikern mit der Sexualität bei den Katholiken. Man glaubt, Verkehr sei ohnehin nicht notwendig und man müsse ihn nur behindern, dann hört er von selbst auf.

Wenn man bedenkt, dass ein Mensch täglich mindestens etwa 1 kg Ware braucht, um seine Grundbedürfnisse zu befriedigen, dann sind dies in Deutschland bei 80 Millionen Einwohnern täglich 80 Tausend Tonnen, die transportiert werden müssen. Und manche davon, wie der Fisch aus der Nordsee, haben einen langen Weg. Da kommt man mit Fahrradtransportern nicht weit.

Immer wieder höre ich hier dann die die Storys von den SUV Fahrern, die 50 Meter zum Brötchen holen fahren. Ehrlich gesagt kenne ich keine, die das machen und in meiner Nachbarschaft sind einige SUVs.

Oder vom Umsteigen aufs Radfahren, das alle Probleme löst. Eine gefährliche Lüge. Leider habe ich in meiner unmittelbarer Nähe kennen gelernt, wie gefährlich Rad fahren in Tübingen wirklich ist. Nicht nur weil man bei Unfällen fast immer den kürzeren zieht. Niemand erwähnt andere Nebenwirkungen, wie den häufigen Hautkrebs oder Prostatakrebs bei den Männern.

Die große Illusion in Tübingen ist auch die innerstädtische Stadtbahn, für die die ganze Stadt umgebaut werden müsste. Ich bin mit Straßenbahnen aufgewachsen und kenne leider alle Nachteile dieses Verkehrsmittels. Die beiden wichtigsten für Tübingen: Sie vertragen sich nicht mit dem Rad fahren und sie laden durch Demos zu massiven Verkehrsstörungen ein. Nicht umsonst hat man sie später in Österreich, wo man nur konnte, dann unter die Erde gelegt, wie z.B. in Wien. Wien ist übrigens ein gutes Beispiel für eine gelungene Verkehrsinfrastruktur. Aber auch ein Beispiel, dass man viel Geld in die Hand nehmen muss, um den Verkehr sicher und effektiv zu machen.

Der Verkehr der Zukunft

Es gibt mehrere Faktoren, die den Verkehr gravierend ändern werden. Da Verkehr eine komplexe Angelegenheit ist, kann ich glaubwürdig keine sicheren Prognosen abgeben. Aber die folgenden Einflüsse erscheinen mir zumindest plausibel.

Erstens das Abschaffen von Chauffeuren. Und die nicht nur im Autoverkehr oder bei LKWs, sondern auch bei Zügen. Im Flugverkehr hat man dies ohnehin fast schon erreicht. Lediglich Schiffe werden weiterhin viel Personal brauchen, die Umstände auf den Meeren sind wahrscheinlich lange noch zu kompliziert, um sie zu automatisieren.

Um selbstfahrende Fahrzeuge noch sicherer zu machen, wird es auch Änderungen geben müssen, die die heutige Komplexität auf den Straßen reduzieren.

Zweitens der Wechsel von Verbrennungsmotoren zu Elektromobilität. Je kleiner die Fahrzeuge, desto leichter wird dies möglich sein.

Drittens flexiblere und komfortablere Verkehrsangebote, die nicht nur zu besserer Auslastung der Ressourcen dienen, sondern z.B. auch den öffentlichen Verkehr attraktiver machen.

Viertens wird Virtuelle Realität das Bedürfnis nach Reisen stark verändern. Wie das genau ablaufen wird, dazu habe ich zu wenig Vorstellungskraft. Aber sie wäre nur eine logische Konsequenz, weil der Austausch von Daten wesentlich einfacher, sicherer und billiger ist, als der Austausch von Gütern oder Personen.

Fünftens wird das bevorzugte Leben in Städten dazu führen, dass man nicht nur Verkehrsmittel, sondern auch Verkehrswege für alle Verkehrsteilnehmer, dazu gehören auch Fußgänger, besser gestaltet. Besserer Bodenbelag, bessere Ruheplätze, angenehmere Wege (geschützt von Regen und Sonne durch Arkaden und Lauben), Barrierefreiheit überall, klarere Orientierung. Das alles ist machbar und wird auch kommen.

Auch der Trend zu lokalen Anbietern wird einen Einfluss haben, genauso wie das Einkaufen im Internet oder die Heimarbeit.

Die diversen Mautmodelle in Europa müssen vereinheitlicht werden. Oder Europa fällt weiter auseinander.

Im Freundeskreis diskutieren wir oft, ob der Bahnverkehr verschwinden wird, wenn selbstfahrende LKWs und PKWs Standard sind. Zum heutigen Wissensstand ist das eher eine Glaubensfrage, als begründete Entscheidung. Ich wage trotzdem die Prognose, dass zumindest der Güterbahnverkehr bleiben wird. Und zwar in einem Bahnnetz, das nicht allzu dicht, aber sehr gut ausgelastet ist. Warum sollten die Exporte nicht auf dem Landweg von China nach Europa kommen? Innerhalb von Europa die Agrarerzeugnisse des Südens auf Transversalen den Norden erreichen? On verra, wie der Franzose sagt, man wird sehen.

Einige bewährte Verkehrskonzepte

Einheitliche Verkehrsführung (bei uns Rechtsverkehr) überall

Ein absolutes Minimum an Verkehrsregeln und Verkehrszeichen

Ähnliche Verkehrsteilnehmer auf gemeinsamen Verkehrswegen

Unterschiedliche auf getrennten Verkehrswegen

Optimal ist überall gleichmäßig fließender Verkehr

Jede unnötige Unterbrechung oder Stopp schadet und ist zu vermeiden

Jede Veränderung des Verkehrsflusses ist problematisch

Dazu gehören auch Spurwechsel, Engstellen, Baustellen, neue Verkehrsregelungen

Verkehr, bei dem sich Teilnehmer unsicher fühlen, ist immer auch gefährlich

Es ist selten, dass ein Verkehrsteilnehmer alleine selbst Schuld ist

Um Verkehr zu beurteilen, bedarf es der Messungen und einer Unfallstatistik

Bei jedem Verkehrsunfall muss untersucht werden, wie der Unfall hätte vermieden werden können

Überraschungen und alles andere, was verwirrt, gefährden die Sicherheit

Nicht nur Verkehrsmittel, auch Verkehrswege brauchen Wartung und Pflege

Redundanz durch Alternativen erhöht wesentlich die Stabilität eines Verkehrsnetzes

Es muss möglich sein, Pausen zu machen

Toiletten, Rastplätze und Tankstellen (ruhender Verkehr) sind Teil der Verkehrswege

Baustellenmanagement reduziert drastisch die negativen Auswirkungen von Baustellen

Generell sind nur jene Verkehrsregeln sinnvoll, die von der großen Mehrheit der Nutzer akzeptiert werden und freiwillig eingehalten werden.

Eine gute Messlatte für vernünftige Verkehrsregeln sind daher die Bußgelder. Je mehr man mit Bußgeldern einnimmt, desto schlechter sind die Regeln ausgedacht. Ich weiß natürlich, dass viele Gemeinden das anders sehen. Aber sie bedenken nicht den Schaden, den jedes Knöllchen langfristig anrichtet. Ich schätzte mal, dass man ein mehrfaches für Stadtmarketing ausgeben muss, um den Schaden durch Knöllchen zu kompensieren. Optimal für Städte sind daher niedrige Gebühren fürs Parken, maximal so hoch, dass sie die Kosten der Verkehrsinfrastruktur decken. Alles was darüber hinaus geht, schadet langfristig einer Stadt. Kein Besucher wird sich dort wohlfühlen und wiederkommen wollen oder gar einkaufen!

Nun betrachte ich dies mal von einer anderen Seite. Es gibt ja immer wieder Orte, die sich gerne isolieren wollen, aus welchen Gründen auch immer. Xenophobie kann ein Grund sein, aber auch schlicht nur Überforderung oder Unfähigkeit mit dem Verkehr zurecht zu kommen. Vielleicht will man einfach nur anders sein oder bleiben oder man ist schlicht reich genug, dass man mit dem Status Quo so zufrieden ist, keine Veränderung will und die Vorteile der Isolierung schätzt. In allen diesen Fällen kann man auch den Verkehr zu Hilfe nehmen, um sich zu schützen. Er wirkt wie eine unsichtbare Mauer, die ziemlich zuverlässig trennt. Man macht es dann eben so ähnlich wie für Tübingen oben beschrieben.

Der Weg ist das Ziel

Man kann sicherlich durch clevere Planung den Verkehrsbedarf stark reduzieren. Zum Beispiel, in dem man alle Bedürfnisse des Alltags, wie Wohnen, Arbeiten, Ausbildung, Einkaufen und andere Dienstleistungen oder Freizeit (Sport) so nahe anbietet, dass man alle Wege gut zu Fuss erledigen kann, es wird immer Verkehr geben, der nicht ins obige Schema der Vernunft passt. Nämlich den, der den Menschen einfach nur Freiheit und Abwechslung bietet. Was Schönes, was Neues sehen und zu erleben ist ein menschliches Grundbedürfnis.

Nachdem ich viel gereist bin (mit allen erdenklichen Verkehrsmitteln) habe ich beim Rad fahren dies am besten erlebt. Langsam genug, um alles im Detail sehen zu können, aber schnell genug, um 50 bis 60 km am Tag ohne große Anstrengung zurücklegen zu können. Keinen schnelleren Schnitt als 15 km/h! Immer die Möglichkeit, eine kurze oder längere Pause machen zu können, man kann sich mit Mitfahrern unterhalten und spürt auch die Wettereinflüsse direkt.

Fernwandern war mir zu langsam und es war mir auch zu beschwerlich, das Gepäck zu tragen. Auto, Bus, Bahn oder gar Flugzeuge sind viel zu schnell, um den Weg genießen zu können. Eine Alternative sind Schiffsreisen, aber da haben mich Preise und das Publikum abgehalten.

Wenn der Weg das wichtigste ist, dann sollte er so gestaltet sein, dass man wirklich die Besonderheiten sieht, dass erklärt wird, was man sieht und dass es genügend Rastplätze gibt. Und es ist ganz wichtig, dass die Orientierung nie zum Problem wird, weil alles gut beschildert ist.

Ist das Rad fahren nicht möglich, z.B. im Gebirge oder in Städten, dann ist die Erkundung zu Fuß das nächst optimale.

Bei all diesen Wegen ist es notwendig, dass sie sicher sind. Lauern Gefahren, dann wird man nie beruhigt diese Wege genießen können. Die größte Sicherheit bietet nun die Virtuelle Realität. Bei ihr gibt es auch keine Insekten, keinen störenden Lärm, keine Gerüche, keine Hitze, Kälte oder Luftfeuchtigkeit, keine Tsunamis, denn sie findet ohne reale Ortsveränderung statt.

Aber wie schon gesagt, ich traue mir nicht voraus zu sehen, wie sie den Verkehr tatsächlich beeinflussen wird. Wir hatten ja schon einige Vorläufer dazu, in Form von Filmen oder Videos. Sie haben fast immer dazu geführt, dass die Menschen dann doch zu den gezeigten Plätzen gefahren sind und sich nicht mit der virtuellen Realität begnügt haben.

Epilog

Ich habe im Jahre 2016 meinen unmittelbaren Lebensbereich Tübingen nur an zwei Tagen verlassen. Erstens, um mit dem Zug ins nahe Rottenburg zu fahren und zweitens, um mit dem Auto im Schwarzwald an einem Begräbnis teil zu nehmen. Fast alle anderen Tage habe ich in Nordtübingen verbracht. Mit einigen Abstechern ins Tübingen südlich der Bahnlinie, z.B. um meine Frau von der Arbeit abzuholen, weil an Feiertagen keine Busse gefahren sind oder um Arztsuche zu machen.

Warum? Es gab keine gesundheitlichen Einschränkungen, auch keine plötzliche Armut. Ich hatte einfach die Unwägbarkeiten im Bahn-, Bus- und Flugverkehr satt. Allen voran die Streiks, aber auch die unzähligen Kontrollen. Und dann der absolut unnötige Stress auf den Autobahnen und dass es noch einen großen Nachholbedarf an Seniorenfreundlichkeit gibt.

Unzählige Baustellen haben auch meine Lust, die eigene Stadt noch besser kennen zu lernen, gebremst. Eigentlich hätte ich mich freuen sollen, dass eine Stadt erneuert wird. Aber die Baustellen waren absolut schlecht gemanagt (laut Stadt „spielt sich das in einigen Tagen (besser Wochen) von selbst ein“), und das Ergebnis war, dass die Stadt nachher wesentlich hässlicher geworden ist. Das Schönheitsideal der Stadtplaner, aber auch das Verständnis von Fahrkomfort in Bussen scheint von meinem stark abzuweichen.

Einkäufe, die ich früher in einer der Nachbarstädte gemacht habe, liefen problemlos übers Internet.

Nun bin ich mit meinen bald 73 Jahren sicher nicht typisch oder wichtig für die deutsche Wirtschaft, aber wenn wir als Land eine bessere Zukunft haben wollen, müssen wir Verkehrsfragen ernster nehmen und von echten Fachleuten auch mutiger anpacken lassen, als bisher.

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