OTTO BUCHEGGER ERZÄHLT

Das Paradies ist ein Lieblingsthema von mir. Es ist für mich nicht der Garten Eden, aus dem wir vertrieben wurden und in den wir nach unserem Tod vielleicht auch wieder zurückkehren können, sondern meine Paradiese existieren nur hier in unserer Zeit und in unserer Welt, wir müssen sie nur finden und wir können sie auch selbst schaffen.

Ich sehe oft Bilder, die als Titel das Paradies tragen. Meist zeigen sie leere Strände mit viel Sonnenschein und blauem Meer, so stelle ich mir das Paradies nicht vor. Im Gegenteil, ich denke diese Strände sind nur deshalb so leer, weil es dort immer wieder große Gefahren gibt, wie Erdbeben oder Tsunamis, die die Menschen gelehrt haben, hier besser nicht dauerhaft zu verweilen.

Ich habe einmal einem von mir sehr geschätzten Künstler zugehört (Leonard Cohen), der in seiner Küche am Fenster gesessen hat und gesagt hat: Dies ist für mich der schönste Platz der Welt. Das gefällt mir besser, ein Platz inmitten unserer Welt, in diesem Fall sogar der Arbeitswelt, der die Menschen erfreut, entzückt, in dem sie sich sicher fühlen und der ihnen das Gefühl gibt dort uneingeschränkt, wenn auch nur für begrenzte Dauer, glücklich zu sein.

Damit haben wir auch schon drei wichtige Kriterien für Paradiese, nämlich Freiheit, Freude und Sicherheit. Und das alles gleichzeitig, aber zeitlich und räumlich limitiert! überall, wo das Wort verwendet wird, bekommen wir mehr Hinweise. Es gibt z.B. Einkaufsparadiese, Bordelle mit dem Namen Paradies, Kultur-Paradiese. Alle diese Paradiese versprechen die Erfüllung von Wünschen, vielleicht sogar von den geheimsten und unausgesprochenen Wünschen und zwar ohne Beschränkung.

Eines der ersten Paradiese, an die ich mich in meiner Kindheit erinnern kann, war ein simpler Tisch mit einer großen Decke darüber, die unter dem Tisch eine kleine Höhle hat entstehen lassen. In dieser Höhle hatten wir Kinder Freiheit, weil wir nicht gesehen werden konnten und die Tischplatte und die Decke haben uns Sicherheit vermittelt. Paradiese sind also nicht unbedingt aufwändige Einrichtungen!

Es sind unsere individuellen Wünsche und Bedürfnisse, die uns an Paradiese denken lassen. Können wir die Wünsche erfüllen und die Bedürfnisse befriedigen, dann fühlen wir uns "wie im Paradies". Es sind sowohl der Akt der Befriedigung wie auch der Zustand danach "paradiesisch", zumindest solange, wie wir uns daran erinnern.

Paradiese definieren sich auch durch Abwesenheit von Zwängen und Sorgen, denke wir nur an Steuerparadiese. Dort gibt es keine Steuern und dadurch werden sie zum Paradies. Da sich nicht alle Sorgen abstellen lassen, im Gegenteil, wir brauchen sie auch, wollen wir uns um unsere Angelegenheiten kümmern, kann die Antwort nur sein, sie in unseren Paradiesen draußen zu lassen, sich von ihnen - zumindest temporär - abzuschotten.

Nun  fehlt noch was ganz entscheidendes, nämlich neben Genuss und Freude auch der Sinn und Aktivität. In Paradiesen erlebt man Freude nicht mechanisch oder nur passiv, sondern weil es Sinn macht und weil man beteiligt ist. Man fühlt sich angesprochen, eingebunden, man kann einen Beitrag selbst leisten, man bekommt dafür Anerkennung, das ist alles sehr wichtig.

In einer früheren Ausgabe des Globismus habe ich viel über Paradiese geschrieben, u.a. dass Globisten z.B. sich gezwungen fühlen, Paradiese mit zu schaffen und auch diese Paradiese in Anspruch zu nehmen. Damit vermeiden sie schlechtes Gewissen, das sich gerne einstellt, konzentriert man sich nur auf Arbeit und Wohlstand. In der Grundidee habe ich dies beibehalten, aber es nicht mehr so stark betont. Der Grund dafür ist, dass einige ideologische Versuche irdische Paradiese zu schaffen, Millionen Tote gekostet haben, wie in China unter Mao Zedong.

Wer in Paradiesen verweilt, leistet einen Beitrag zu ihrer Erhaltung, er dient damit auch seiner Gesellschaft, die darauf angewiesen ist. Dass es auch hier einige Grenzen gibt, ist klar. Genuss darf nicht zu dauerhaftem Schaden führen, Menschen dürfen ihre Würde nicht verlieren, auch Paradiese stehen nicht außerhalb der Gesetze und Exzesse zerstören sie. Trotzdem bleibt immer noch genügend Spielraum für ihre Gestaltung, vor allem auch, wenn die Ansprüche an sie reduziert werden.

Es bedarf aber nicht nur unserer Kreativität um Paradiese zu schaffen, oft genügt es auch nur zu erkennen, wo sie schon vorhanden sind. Eine große Hilfe dabei ist das Kommunizieren von freudigen Erlebnissen. Wenn dabei auch die kleinen Freuden nicht vergessen werden, dann steigen die Chancen, dass wir sie nicht übersehen.

Denn nicht immer schauen Paradiese so aus, wie es uns eine falsche Vorstellung vorgaukelt. Oft braucht es erst Zeit sie zu erkennen und manchmal schätzt man sie erst dann, wenn man sie verloren hat.


Konkrete Beispiele für meine Paradiese

Viele Ort gehören dazu, aber auch Anlässe und freudige Situationen, aber es gibt nur wenige Paradiese für alle. Denn wir sind alle  verschieden und z.B. ein Aufenthalt im Südwesten der USA, der für mich und meinem Sohn paradiesisch war, wäre für Hitzeempfindliche vielleicht die Hölle gewesen.

Das Nachahmen macht also nur Sinn, wenn es gleichartige Vorbilder gibt. Um im Paradies gute Gesellschaft zu haben, braucht du Freunde oder zumindest Menschen, die dir ähnlich sind. Es macht also viel Sinn, dass sich gleichgesinnte oder sich gut ergänzende Menschen zusammenfinden.

Und sie legen auch großen Wert darauf, dass gute Erfahrungen nicht vergessen werden. Das gilt auch für einen Menschen in verschiedenen Lebensphasen. Merkt man sich, was einem als Kind große Freude gemacht hat, dann kann man dieses Glücksgefühl vielleicht auch wieder als Erwachsener abrufen und es auch seinen Enkelkindern vermitteln.

Leider gibt es aber auch viele Menschen, die gar keine Paradiese wollen. Auch wenn man sie darauf hinweist, sie einlädt, sie versucht zu motivieren, sie wollen einfach nicht. Es bedarf offenbar einer gewissen Bereitschaft, um Paradiese auf Erden genießen zu können.

Ich bin viel gereist und habe viele dabei viele Paradiese erlebt. Ich füge hier als Beispiel einige Orte an, zusammen mit ihren Koordinaten. Gibt man diese in Google Earth (um es benutzen zu können, muss man es erst herunterladen) ein, dann kommt man direkt an diese für mich so wichtigen Plätze. In New York City waren es die Cloisters (40°51'51.96"N,  73°55'53.69"W), ein Ableger des Metropolitain Museums, wo ich mich wie im Paradies gefühlt habe. In Venedig ist es die im Canale della Giudecca verankerte Terasse vom Hotel La Calcina  (45°25'44.06"N,   12°19'42.51"E, an das Hotel selbst habe ich leider keine gute Erinnerung ), in Wien das Strandgasthaus Birner (48°15'1.09"N,  16°24'14.00"E) an der Alten Donau, bei warmem Wetter und Sonnenschein. In Wien ist auch der Heurige Sirbu (48°16'9.03"N,  16°20'35.99"E) ein Paradies. In Valetta auf Malta sind die Upper Barraca Gardens (35°53'41.77"N,  14°30'44.20"E) wegen ihrer unüberbietbaren Aussicht ein Paradies. Alle diese Orte liegen im gemäßigten Klima, man hat von ihnen eine schöne Sicht, man kann Kunst oder gutes Essen genießen und sie sind erschwinglich.

In meiner unmittelbaren Umgebung in Tübingen ist es meine italienische Bar Piccolo Sole D'Oro am "Affenfelsen" (48°31'19.60"N,  9° 3'25.72"E). Hier wird die Sicht durch interessante Menschen mit vielen Kontakten ersetzt. In der Nähe Tübingens, in Waldenbuch, ist das Museum Ritter ein Paradies (48°38'22.03"N,  9° 7'15.69"E, die veralteten Karten zeigen den Bau noch nicht). Nicht nur die Ausstellungen, sondern auch der Bau selbst, die Möglichkeit Schokolade zu kaufen, das Sitzen auf der Terrasse, sie alle vermitteln einen Aufenthalt im Paradies.

Hotels, Restaurants, Museen und Gärten haben alle ein großes Potenzial für die Gestaltung von Paradiesen. Schwieriger wird es dann bei den Plätzen. Denn das Leben auf ihnen zerstört leicht den Eindruck von Sicherheit. Aber einen will ich doch nennen, nämlich den Petersplatz in Rom (41°54'8.04"N, 12°27'25.76"E). Er bietet zum manchen Zeiten für mich alles, was ein Paradies ausmacht.

Wer auf Google Earth sich die Plätze angeschaut hat, dem fällt auf, dass meist unzählige Fotos dort zu sehen sind. Menschen wollen die Erinnerung an Paradiese bewahren und sie auch anderen zeigen können, also fotografieren sie sie.


Die sogenannten "Paradiese im Jenseits" sind ohne Bedeutung, denke ich. Wichtiger ist es, schon in dieser Welt Zustände zu schaffen, die zumindest zeitweise "paradiesisch" sind.

Sind die Erwartungen vernünftig und nicht zu hoch geschraubt, dann gibt es mehr Paradiese, als es vordergründig erscheint. Das Reden darüber und der Austausch von Erfahrungen helfen sie zu finden und zu erkennen. Nur mit Menschen gleicher Wertvorstellungen kann man Paradiese auch gemeinsam erleben.

Paradiese erlauben nicht nur passives Genießen, sondern vor allem auch aktives Gestalten. Paradiese geben unserem Leben nicht nur Freude, sondern auch Sinn. Ohne sie ist Wohlstand schlecht denkbar, deshalb sollte jeder Teil des Lebens, auch jeder Tag, immer einen kleinen Anteil von Paradies beinhalten.

Eltern können und sollen für ihre Kinder kleine Paradiese schaffen, sie aber auch dazu bewegen, Paradiese zu erkennen und auch herauszufinden, warum sie den Menschen so gut tun!

 

 

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