OTTO BUCHEGGER ERZÄHLT

In der Wohnküche meiner Eltern gab es zu meiner Kindheit eine Kredenz, ein Möbelstück, das man heute kaum noch findet. Wer in der Google Bildersuche danach schaut, wird noch Exemplare (z.B. in österreichischen Möbelkatalogen) finden. Unsere Kredenz war aus Holz, fachmännisch gezimmert von einem verwandten Tischler (dem Onkel Karl, bei dem ich sehr gerne war, weil es in seiner Werkstätte so gut nach frischem Holz roch) und weiß lackiert. In Deutschland nennt man vergleichbare Möbel "Anrichte mit Aufbau" oder auch Büfett.

Der linke Teil der Ablagefläche war für meinem Vater reserviert. Wenn er - meist todmüde - von seiner Arbeitsstätte (er nannte sie Bude) nach Hause gekommen ist, hat er auf einer Fläche, die vielleicht einem DIN A4 Blatt entspricht, seine Schlüssel, seine Geldbörse und das unvermeidliche Rauchzeug abgelegt. Manchmal lag dort auch ein Brief, den er zu beantworten hatte oder zum Briefkasten mitnehmen wollte. Besonders an die zwei Schlüssel erinnere ich mich bis heute. Sie waren eine kunstvolle Sonderanfertigung, aus Messing, mit einem Drehgelenk verbunden, besonders klein, prächtig anzuschauen und extrem einfach handzuhaben, weil man eine gute Hebelwirkung hatte. Ich habe sie nur bei ihm gesehen, er hatte als Werkzeugmacher sie sich selbst gemacht und er war auch entsprechend stolz auf sie.

Was ich heute rückblickend bewundere, das war die Anspruchslosigkeit meines Vaters. Diese kleine Fläche war zwar sein Reich, das wir alle, schon als Kleinkinder, zu respektieren hatten. Aber sie genügte ihm auch in unserer kleinen Wohnung.

Wo immer wir Raum mit anderen Menschen teilen müssen, sollten wir die Möglichkeit haben, uns solche privaten Flächen zu gönnen. Für mich ist das Pendant heute ein kleiner Tisch, zu Zeiten, wo ich noch extrem viel reisen musste, war es mein Aktenkoffer.

Die Ansprüche an einen Privatbereich mögen verschieden sein, aber ich denke, ganz ohne wird niemand auskommen. Selbst kleine Kinder fühlen sich wohl, wenn sie ein kleines eigenes Reich haben, das alle respektieren und in dem sie machen können, was sie wollen. Für sie heißt es vor allem, dass sie es nur dann aufräumen, wenn sie es selbst wollen.

Ich wünsche mir oft in meiner kleinen Stadt so eine Art persönliches Schließfach, in dem ich Dinge preiswert und sicher aufbewahren kann, die ich entweder nur in der Stadt brauche und die ich nicht jedesmal mitnehmen will oder für anderes, was ich in der Stadt zwischenlagern kann, bevor ich es dann nach Hause nehme.

Das wäre dann mein Anteil an der "Kredenz". Er würde mein Leben vereinfachen und die Bindung an meine Umgebung erhöhen. Vielleicht greift jemand diese Idee auf. Bisher habe ich sie nur in Klubs, Sportvereinen oder Bädern vorgefunden, aber sie wäre generell nützlich, z.B. auch in Kaufhäusern oder Gaststätten aller Art.

 

 

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