OTTO BUCHEGGER ERZÄHLT

Für viele Menschen, die mich nicht persönlich kennen, bin ich nur der "Fotograf". Der Grund ist simpel, ich habe immer meine kleine Kamera dabei und knipse damit auch viel. Die Bezeichnung wird häufig in einem abwertenden Ton ausgesprochen, aber das stört mich nicht mehr.

Da es so viel ist, was man mit einer Digitalkamera machen kann, habe ich früher viel dazu geschrieben. Das waren einige Hinweise dazu:

Die Digitalkamera als Notizbuch

Die Digitalkamera als Tagebuch

Die Digitalkamera als Kontaktförderer

Es gibt aber neben diesen, sicherlich auch nützlichen Einsatzmöglichkeiten noch einige besondere für mich persönlich. Der wichtigste Punkt ist: Ich sehe nicht gut und es ist für mich mehr als hilfreich, Zuhause dann Fotos von unterwegs genau und mit genügend Zeit studieren zu können.

Die Digitalkamera für Tonaufnahmen. Wenn die Tonqualität keine große Rolle spielt, eignen sich fast alle Digitalkameras dafür. Ich benutze diese Aufnahmen sehr häufig, um Passagen von Chorstücken zu üben. Ich filme dazu den Notenteil und der gleichzeitig aufgenommene Ton des Chores reicht völlig aus, um das Stück Zuhause so oft zu üben, dass ich es bei der nächsten Probe sicher singen kann.

Die Digitalkamera als Kopfkamera. Bei vielen Anwendungen würde man sich wünschen, einen Film machen zu können, wie man etwas selbst sieht und nicht, wie es ein Kameramann sieht. Die technische Lösung dazu heißt Stirn- oder Kopfkamera. Nun hat diese den großen Nachteil, dass sie auch alle Bewegungen des Kopfes mitmacht.

Es gibt aber einen einfachen Trick, ich ich nenne ihn Kopfkamera-Effekt, wie man mit jeder Digitalkamera einen "ruhigen" Film drehen kann und trotzdem den Eindruck erweckt, man hätte selbst gefilmt. Der Kameramann nimmt die Kamera und dreht sie um 180 Grad, so dass alle Bilder auf dem Kopf stehen und hält sie ruhig von oben auf das Objekt. Bei der Wiedergabe sieht dann alles richtig aus.

Ich habe viele Filme damit gemacht, um Tanzschritte zu dokumentieren. So kann man sie sehr viel leichter lernen, weil man im Hirn das Gesehene nicht mehr "umdenken" muss.

Viele Menschen brauchen einen Hund, um ins Freie gehen zu müssen. Für mich tut es die Digitalkamera. Sie ist ein guter Grund, vor allem bei schönem Wetter, um aus dem Haus zu gehen. Sie verhilft mir also zu viel Bewegung.

Mit der Kamera habe ich auch eine Motivation, auf hohe Gebäude zu gehen, weil der Blick von oben immer attraktiv ist. So habe ich im Laufe der Zeit meine ursprüngliche Höhenangst fast verloren.

Ich mache inzwischen für mich kleine Reportagen und suche dazu Stadtteile auf, in die mich sonst meine Wege nie führen würden. Ich gehe auch die täglichen Wege immer etwas anders, um zu sehen, was sich alles verändert hat. Die Kamera hilft mir also, Neues zu entdecken.

Ein wichtiger Punkt für mich ist, meine Fotos mit anderen zu teilen. Es gibt viele Menschen, die aufgrund ihrer persönlichen Situation nicht mobil sind und sie sind dann dankbar, wenn sie "mit meinen Augen" schauen können. Vor allem Orte, die schlecht erreichbar sind oder die für die Öffentlichkeit unzugänglich sind, werden so auch für diese Menschen sichtbar.

Fotografieren ist ein kleiner Beitrag zur Unsterblichkeit. Vorausgesetzt, dass man die Bilder aufhebt und so archiviert, dass man sie später auch wieder findet, kann man damit lange zurückliegende Erinnerungen wieder auffrischen. In meinem Archiv sind schon viele Fotos von Menschen, die inzwischen gestorben sind. Ich kann sie mit meinen Bildern für mich wieder zum Leben erwecken.

Dass das Fotografieren hilft, um Kontakte zu knüpfen, ist allgemein bekannt. Aber es ist auch ein gutes, unverfängliches, leicht einzusetzendes Hilfsmittel, um Menschen zu testen.

Ich nenne es den Persönlichkeits-Schnelltest. Viele Menschen wollen nicht fotografiert werden und ich habe gelernt, dass diese Fotoscheu ein ziemlich zuverlässiges Mittel ist, um Menschen auf ihre Offenheit, Ehrlichkeit, Selbstsicherheit und Zuverlässigkeit zu testen.

Sicherlich gibt es objektive Gründe, um das Fotografieren abzulehnen. Aber sie kommen bei mir meist gar nicht zum Zuge, weil ich die Privatsphäre ohnehin respektiere und nur in der Öffentlichkeit fotografiere. Es ist ein Geflecht von u.a. schlechten Erfahrungen, falschem Eigenbild, Eitelkeit, Hysterie, Paranoia oder irreführenden Medienberichten, das die Menschen so werden lässt.

Da ich viele Frauen in meinem Bekanntenkreis habe (Frauen in meinem Alter sind einfach aktiver als Männer) kenne ich auch alle Ausreden, die von ihnen kommen, wie "Heute nicht", "Ich muss erst zum Friseur", "Ich habe schlecht geschlafen". Es ist ganz deutlich, dass sie wesentlich kritischer gegenüber ihrem Erscheinungsbild als Männer geworden sind.

Interessant sind auch die Kommentare, wenn sie ihr Foto dann sehen. Oft wird dann der Zahnarzt oder auch der Hautarzt beschuldigt. Bei anderen merkt man ganz deutlich, dass sie schon lange kein aktuelles Foto mehr von sich gesehen haben. "Mein Gott, wie sehe ich aus", wenn dann noch ein wirklich abwertender Zusatz kommt, "wie Draculas Tochter", dann weiß ich, es ist zu spät, das Selbstvertrauen aufzubessern. Schade, alle die Frauen, von denen ich hier spreche, sehen wirklich attraktiv aus, sie sind eben nicht mehr 27 Jahre alt, sondern eher 72.

Viele der fotoscheuen Männer haben auch "Dreck am Stecken", sie zahlen z.B. ihre Steuern nicht, sie fühlen sich verfolgt oder sie wollen sich mit dem Nimbus von Prominenz umgeben. Wie auch immer: Ist jemand fotoscheu, dann weiß ich, dass ich mit Kontakten sehr vorsichtig bin und sie im Zweifel nicht weiter pflegen werde.

Und umgekehrt: freut sich jemand über ein gutes Foto von sich selbst (ich zeige sie schon immer auf der Kamera her oder schicke sie den Menschen per E-Mail zu), dann kann ich eher davon ausgehen, dass auch die Kontakte in Zukunft erfreulich sein werden.

So kann man auf einfache, schnelle und - nach vielen Erfahrungen - auch sehr zuverlässige Weise testen, mit wem man intensivere Kontakte aufbauen will.

 

 

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